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KALENDER 2023 FEATUREBLATT
DRANBLEIBEN. TROTZDEM.

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Ein halbes Jahrhundert gelebte Jugendhilfe – Gelegenheit für einen Rück- und einen Ausblick. Fast fünfzig Berufsjahre, die ihren Anfang in den Siebzigerjahren nahmen. In dieser Zeit umgab mich die flirrende Stimmung der Flower-Power-Bewegung, die zwar dahinwelkte, aber ihren Fußabdruck in der bundesdeutschen Gesellschaft hinterließ. Ich nahm beginnende Verwerfungen wahr, auch wenn sich althergebrachte Einstellungen hartnäckig hielten.
Im Zuge dessen begann die so genannte Heimrevolte zu wirken; die Spätfolgen der Studentenbewegung schwappten auch in die Provinz, begleitet aber von einer Atmosphäre der Stigmatisierung (für jede und jeden, die oder der überhaupt mit Jugendhilfe in Berührung kam) und der Spießigkeit des Bürgerlichen („nur kein Abweichen von der Norm“).


Ich fühlte mich in jener Zeit herausgefordert von der relativ neuen Berufsbeschreibung des Sozialarbeiters, die eine – jedenfalls damals – politische und kritische Sicht auf die bestehenden Verhältnisse einforderte. So versuchte auch ich, die Welt zum Besseren zu verändern, zunächst mit dem Ziel, Nicht-Privilegierte zu (unter-)stützen und damit auch für mich eine authentische (Berufs-)Identität zu entwickeln.


Einblick in das berufliche Leben hatte ich im Alter von siebzehn Jahren gewonnen, durch ein Praktikum in einem Kinderheim. Dort arbeitete ich vier Tage die Woche und ging noch zwei Tage zur Schule, für ein monatliches Salär von hundertfünfzig D-Mark.
Ich arbeitete in einem Kinderheim mit Schlafsälen für jeweils vierzehn Kinder jeden Alters. Dort ging es „traditionell“ zu, die Heimrevolte hatte ihre Spuren dort noch nicht gesetzt. Fachkräfte im pädagogischen Bereich? Fehlanzeige. Der Begriff war noch nicht einmal geprägt.


Lange Zeit hielt ich diese berufliche Erfahrung für meine erste Begegnung mit der Heimerziehung. Aber die Auseinandersetzung damit, nach fünfzig Jahren, präsentiert mir auch die Erinnerung biografischer Lücken, denn meine ersten Erfahrungen mit der Heimerziehung sind persönlicher Natur und liegen sehr viel länger zurück. Ich war gerade geboren, meine Eltern bauten nach dem Krieg ihre Existenz auf. Für mich hieß das: Ein Kindermädchen wurde beauftragt, mich tagsüber zu versorgen. Ich soll sie gemocht haben. Sie hatte dann einen tödlichen Unfall, ihr Auto wurde auf einem Bahnübergang von einem Zug erfasst. So wurde ich im Alter von einem Jahr zur Tagesbetreuung in ein von Nonnen geführtes Kinderheim gebracht. Zwei Jahre ohne Erinnerungen. Möglicherweise liegen hier die Ursprünge für meinen Werdegang in der Jugendhilfe – lange Zeit unbewusst, aber wirksam für ein ganzes Berufsleben.


Nach dem Praktikum und dem Studium verbrachte ich viele Jahre in einem kommunalen Jugendamt auch als Experte für Fremdplatzierung. Ich war der Heimbeauftragte, wechselte dann die Seiten und war in verschiedenen Funktionen Verantwortungsträger in den Hilfen zur Erziehung (zur besseren Lesbarkeit im Folgenden abgekürzt HzE). Damit war ich direkt an der Basis tätig, denn diese Verantwortung erlaubte keine Ausflüchte mehr, kein Lamentieren über die Umstände. Diese Verantwortung verlangte, ausdauernd auf die vorgefundenen Verhältnisse einzuwirken, um hier, so der Anspruch, einen attraktiven Lebensort für die anvertrauten Bewohnerinnen und Bewohner zu schaffen, und ebenso auch für die Betreuerinnen und Betreuer, für die Begleiterinnen und Begleiter der Kinder und Jugendlichen.


Vieles hat sich im Verlauf von fünfzig Jahren Jugendhilfe verändert. Ich wurde Zeuge davon. Eines aber blieb: Bei all den Erfolgen, die im Übrigen die HzE viel zu wenig feiern, werden zwischendurch immer wieder schlechte Prognosen für Kinder und Jugendliche gestellt. Erschütternde Diagnosen. Berührende Aussichtslosigkeit. Hoffnungslose Perspektiven. Beschreibung von Krisen. Auflistung von Defiziten. Stigmatisierende Formulierungen. Deprimierende Zuschreibungen. Traurige Lebenssichten. Omnipräsente Begrenzungen. Mitleid.

Und genau hier setze ich an: TROTZDEM kann ein Leben gelingen. TROTZDEM sind viele Kinder und Jugendliche in einem erfüllten und erfolgreichen Erwachsenenleben angekommen. Davon möchte ich berichten und dazu aufrufen:

 

  • niemals aufzugeben

  • Platz zu schaffen für Bewältigungs-Mut

  • Respekt davor zu erweisen, dass Veränderung und Entwicklung Elemente des Lebens sind

  • sich gegen Aussichtslosigkeit zu stemmen.


Es ist ein Plädoyer auch für die Wertschätzung gegenüber den Lebensbegleiterinnen und Lebensbegleitern der Kinder und Jugendlichen, die der Hydra „pädagogischer Alltag“ die Stirn bieten und sich gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen nicht damit abfinden, wie es gerade ist.


Der mallorquinische Philosoph Ramon Llull hat schon im Mittelalter gefragt, ob Gott nicht in Wahrheit die Energie der Welt sei, die Veränderung und Wachstum anstrebt. Diese Sichtweise kommt mir sehr nahe.

Michael Weinreich